Tobias Still, Künstler und Philosoph, führt uns in die Erkenntnistheorie Spinozas ein.

Baruch de Spinoza (1632-77) gilt als eine der radikalsten Figuren unter den frühen Aufklärern. Der Historiker Jonathan I. Israel geht sogar so weit, dass er Spinoza und dem Spinozismus ins Zentrum einer neu zu schreibenden Geschichte der europäischen Aufklärung rücken will.

Diesem Revisionismus entspricht, dass die Rezeption von Spinozas Werk lange Zeit starken konjunkturellen Schwankungen unterlegen war. Nach einer Hochphase vom späten 18. bis zum 19. Jhd., deren Wirkung auf wichtige Köpfe wie Marx und Nietzsche nachweisbar ist, erleben wir die letzte und vielleicht umfassendste "Spinoza-Renaissance" erst seit den 1960er Jahren.

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass Spinozas rationalistische Philosophie trotz (oder gerade wegen) seiner Radikalität äußerst schwierig zu interpretieren ist. Vieles an seinem System macht perplex und scheint auf den ersten Blick paradox. Einige klassische Interpretationen in denen frühere Kommentatoren offensichtliche Widersprüche aufzudecken glaubten, sind heute widerlegt oder zumindest entkräftet. Das ändert aber nichts daran, dass wesentliche Punkte immer noch ungeklärt oder umstritten sind.

Zu Spinozas befremdlichen und überraschend aktuellen Thesen gehört neben der strikten Leugnung des freien Willens die Leugnung jeglicher kausaler Interaktion (die "explanatorische Barriere") zwischen körperlichen (physischen) und geistigen Dingen. Damit wird nicht nur die uns (spätestens) seit Descartes vertraute Vorstellung obsolet, wonach mein Wille (bzw. Gedanke), dass mein Arm sich heben möge, verantwortlich dafür ist, dass mein Arm sich hebt. Spinoza erklärt die Korrelation von mentalen und physischen Prozessen durch die als "Parallelismus" von Denken und Ausdehnung berüchtigt gewordene These, wonach Ideen und Körper zwar kausal voneinander getrennt, jedoch in ihrer "Ordnung und Verknüpfung" übereinstimmen. Subjektiver Geist (bzw. Bewusstsein) scheint dabei nichts anderes zu sein, als eine Repräsentation körperlicher Zustände, wobei wesentliche Probleme der Erkenntnistheorie durch die physische bzw. psychische Limitiertheit endlicher Subjekte erklärt werden. Diese vor allem erkenntnistheoretischen Zusammenhänge versuche ich in meinem Vortrag etwas zu erhellen und (wo es sinnvoll ist) mit der nicht weniger berüchtigten Metaphysik Spinozas in Verbindung zu bringen. Es ist vor allem Michael Della Roccas Interpretation auf die ich mich dabei stützen werde.

Samstag, 30. April 2011, 19 Uhr